<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><feed xmlns="http://www.w3.org/2005/Atom" xml:lang="en"><generator uri="https://jekyllrb.com/" version="3.10.0">Jekyll</generator><link href="https://www.stefandecker.org/feed.xml" rel="self" type="application/atom+xml" /><link href="https://www.stefandecker.org/" rel="alternate" type="text/html" hreflang="en" /><updated>2026-10-28T21:43:35+01:00</updated><id>https://www.stefandecker.org/feed.xml</id><title type="html">Stefan Decker’s Homepage</title><subtitle>Professor Stefan Decker, RWTH Aachen University and Director of Fraunhofer FIT. Knowledge Graphs, Semantic Web, data spaces and AI.</subtitle><author><name>Stefan Decker</name></author><entry xml:lang="de"><title type="html">Europa braucht ein CERN für wissenschaftliche KI – und zwar pronto.</title><link href="https://www.stefandecker.org/blog/2026/10/28/europa-braucht-ein-cern-fuer-wissenschaftliche-ki/" rel="alternate" type="text/html" title="Europa braucht ein CERN für wissenschaftliche KI – und zwar pronto." /><published>2026-10-28T00:00:00+01:00</published><updated>2026-10-28T00:00:00+01:00</updated><id>https://www.stefandecker.org/blog/2026/10/28/europa-braucht-ein-cern-fuer-wissenschaftliche-ki</id><content type="html" xml:base="https://www.stefandecker.org/blog/2026/10/28/europa-braucht-ein-cern-fuer-wissenschaftliche-ki/"><![CDATA[<p><img src="/assets/img/blog/europa-cern-wissenschaftliche-ki.png" alt="Illustration mit Europakarte, Sternen und einem Netzwerk, beschriftet mit CERN FOR AI" width="1024" height="572" /></p>

<p>Deutschlands wirtschaftliche Stärke beruht zu einem erheblichen Teil auf seiner Innovationsfähigkeit. Ob Maschinenbau, Automobilindustrie, Chemie, Medizintechnik oder Energietechnik – unsere Unternehmen leben davon, wissenschaftliche Erkenntnisse in neue Technologien, Produkte und Verfahren zu übersetzen. Allein 2024 investierten deutsche Unternehmen rund <strong>92,5 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung</strong>. Das entspricht mehr als zwei Dritteln der gesamten deutschen Forschungs- und Entwicklungsausgaben <a href="#quelle-1">[1]</a>.</p>

<p>Doch was passiert, wenn sich die Geschwindigkeit wissenschaftlicher Entdeckungen durch künstliche Intelligenz grundlegend verändert?</p>

<p>Am 26. Oktober 2026 hat OpenAI neue KI-generierte Forschungsergebnisse zu drei bedeutenden mathematischen und physikalischen Problemen vorgestellt: der Kakeya-Vermutung, der Exponential Time Hypothesis und der mathematischen Fundierung von Quantenfeldtheorien. Für Teile dieser Ergebnisse liegen bereits formalisierte Lean-Beweise vor. Die unabhängige wissenschaftliche Prüfung und Einordnung ist noch im Gange <a href="#quelle-2">[2]</a>.</p>

<p>Unabhängig vom abschließenden Urteil über diese konkreten Ergebnisse zeichnet sich eine Entwicklung ab:</p>

<p><strong>KI entwickelt sich von einem Werkzeug zur Unterstützung wissenschaftlicher Arbeit zunehmend zu einem System, das selbst neue wissenschaftliche Erkenntnisse hervorbringen kann.</strong></p>

<p>Die Tragweite davon Entwicklung geht jedoch weit über die Wissenschaft hinaus. Wenn KI-Systeme künftig immer häufiger eigenständig Hypothesen entwickeln, mathematische, physikalische und technologische Entdeckungen machten, Experimente entwerfen oder neue Lösungsansätze finden, könnte sich das Tempo wissenschaftlicher Entdeckungen und technologischer Entwicklungen erheblich erhöhen. Und damit auch das Tempo technologischer Innovation.</p>

<p>Natürlich wird nicht jeder mathematische Beweis unmittelbar zu einer praktischen Anwendung führen. Zwischen Grundlagenforschung und industrieller Umsetzung vergeht Zeit. Doch KI wird auch diese Transferprozesse verändern: von der wissenschaftlichen Entdeckung über Simulation und experimentelle Validierung bis hin zur Entwicklung neuer Materialien, Medikamente oder industrieller Verfahren.</p>

<p><strong>Was wir derzeit beobachten, ist wohl der Anfang einer noch nie dagewesenen Beschleunigung wissenschaftlicher und technologischer Entwicklung.</strong></p>

<p>Damit entsteht auch eine neue internationale Wettbewerbsdynamik. Nicht allein um die leistungsfähigsten KI-Modelle, sondern zunehmend um die Fähigkeit, neue wissenschaftliche Erkenntnisse schneller zu gewinnen und in gesellschaftlich und wirtschaftlich relevante Innovationen zu übersetzen. Wer über die notwendigen Modelle, Talente und Infrastrukturen verfügt, könnte einen erheblichen Vorsprung entwickeln. Dieser Vorsprung könnte sich durch weitere KI-gestützte Forschung sogar selbst verstärken.</p>

<p>Für eine exportorientierte Industrienation wie Deutschland ist das keine abstrakte wissenschaftspolitische Frage. Es betrifft unmittelbar die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit unserer Unternehmen. Ein Blick auf die Zahlen verdeutlicht die Herausforderung. Laut Stanford AI Index 2026 wurden im Jahr 2025 in den USA rund <strong>286 Milliarden US-Dollar</strong> privat in KI investiert. In Europa waren es rund <strong>21 Milliarden US-Dollar</strong> – ein Unterschied um den Faktor 13,7 <a href="#quelle-3">[3]</a>.</p>

<p><strong>Wie soll unter diesen Bedingungen ein universitärer Lehrstuhl, ein deutsches Forschungsinstitut, oder auch eine ganze Universtität mit Organisationen mithalten, die Zugriff auf die Frontier-KI der KI-Unternehmen haben? Die Antwort ist: Sie können es nicht, wenn ihnen der Zugang zu vergleichbaren technologischen Möglichkeiten fehlt. Mit fatalen Folgen für die deutsche und europäische Industrie.</strong></p>

<h2>Wissenschaftliche Zusammenarbeit unter veränderten Bedingungen</h2>

<p>Hinzu kommt eine weitere Entwicklung. Wissenschaft lebt traditionell von internationaler Zusammenarbeit, dem offenen Austausch von Erkenntnissen und der gemeinsamen Bearbeitung grundlegender Forschungsfragen. Doch die geopolitischen Rahmenbedingungen verändern sich.Gerade die wissenschaftliche Zusammenarbeit mit China wird zunehmend unter Gesichtspunkten der Forschungssicherheit, möglicher Dual-Use-Anwendungen und technologischer Abhängigkeiten betrachtet. Die Europäische Union hat beispielsweise im Forschungsprogramm Horizon Europe 2026–2027 die Beteiligung chinesischer Einrichtungen in bestimmten Forschungsbereichen eingeschränkt <a href="#quelle-4">[4]</a>. Dafür gibt es nachvollziehbare sicherheits- und technologiepolitische Gründe. Gleichzeitig entstehen Spannungen mit dem traditionellen Anspruch der Wissenschaft auf Offenheit und internationale Kooperation. Umso ironischer wirkt es, dass viele Organisationen sich auf chinesische Open-Weight KI-Modelle verlassen.</p>

<p>Internationale Zusammenarbeit bleibt unverzichtbar. Auch mit China bestehen zahlreiche wissenschaftlich wertvolle Kooperationen, die weiterhin möglich und sinnvoll sind. Aber wir können nicht mehr selbstverständlich davon ausgehen, dass wissenschaftliche Erkenntnisse, Technologien und Forschungsinfrastrukturen weltweit unter gleichen Bedingungen zugänglich sein werden. <strong>Gerade deshalb wird es für Europa immer wichtiger, über eigene wissenschaftliche und technologische Fähigkeiten zu verfügen.</strong> Nicht um sich abzuschotten, sondern um unabhängig, auf Augenhöhe und aus einer Position eigener Stärke international zusammenarbeiten zu können.</p>

<h2>Was Europa jetzt braucht</h2>

<p>Europa reagiert durchaus auf diese Entwicklungen. Die Europäische Kommission hat bis zu sieben KI-Gigafabriken ausgeschrieben, für die mehr als 30 Milliarden Euro an öffentlichen und privaten Investitionen mobilisiert werden sollen. Mit RAISE entsteht eine europäische Initiative für KI in der Wissenschaft, deren Pilotphase mit insgesamt 140 Millionen Euro ausgestattet ist. Deutschland plant bis 2029 rund eine Milliarde Euro Bundesförderung für den Ausbau des Höchstleistungsrechnens <a href="#quelle-5">[5-7]</a>. Das sind wichtige Schritte. Die genannten Beträge betreffen allerdings unterschiedliche Investitions- und Förderkategorien und sind daher nicht unmittelbar vergleichbar.</p>

<p>Die entscheidende Frage bleibt: <strong>Reichen unsere bisherigen institutionellen Strukturen und Entscheidungsprozesse aus, um mit der Geschwindigkeit dieser Entwicklung Schritt zu halten?</strong></p>

<p>Wir organisieren Forschungsförderung überwiegend in mehrjährigen Programmen und Projekten. Gleichzeitig verändern sich die Möglichkeiten KI-gestützter Forschung innerhalb immer kürzerer Zeiträume. Deshalb halte ich einen grundsätzlicheren Ansatz für notwendig.</p>

<ol>

<li><strong>Ein europäisches CERN für wissenschaftliche KI:</strong> Eine dauerhaft finanzierte, europäisch getragene Forschungsorganisation, die leistungsfähige KI für wissenschaftliche Entdeckungen entwickelt und betreibt. Mit eigener Recheninfrastruktur, international konkurrenzfähigen Forschungsteams und wissenschaftlicher Mitbestimmung. Nicht als weiteres befristetes Förderprojekt, sondern als permanente europäische Einrichtung.</li>

<li><strong>Eigenständige europäische Spitzenkompetenz:</strong> Europa muss nicht jeden kommerziellen Chatbot nachbauen. Aber wir benötigen eigenständige, international wettbewerbsfähige KI-Systeme für wissenschaftliches Schließen, Mathematik, Engineering und autonome Forschung. Dazu gehört auch die Fähigkeit, diese Systeme unabhängig weiterzuentwickeln, ihre Ergebnisse zu überprüfen und neue wissenschaftliche Methoden auf ihrer Grundlage zu schaffen.</li>

<li><strong>Zugang für die gesamte Wissenschaft – und eine enge Verbindung zur industriellen Innovation:</strong> Nicht jede Universität muss ein eigenes Frontier-Modell trainieren. Aber Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an europäischen Universitäten sollten verlässlichen Zugang zu leistungsfähigen Forschungsmodellen, Rechenressourcen und wissenschaftlichen KI-Werkzeugen erhalten. Gleichzeitig müssen wir sicherstellen, dass die so entstehenden Erkenntnisse ihren Weg in die industrielle Anwendung finden. Gerade die Verbindung von wissenschaftlicher Exzellenz, angewandter Forschung und industrieller Entwicklung ist eine traditionelle Stärke Deutschlands und Europas. Diese Stärke sollten wir nutzen und im Zeitalter KI-getriebener Innovation weiterentwickeln.</li>

</ol>

<h2>Die Kyoto Vision als Ausgangspunkt</h2>

<p>Die am 4. Oktober 2026 von 17 Staaten, darunter Deutschland, unterstützte <strong>Kyoto Vision for a Golden Age of Science</strong> erkennt die Chancen einer grundlegenden Veränderung wissenschaftlicher Forschung durch KI ausdrücklich an <a href="#quelle-8">[8]</a>.</p>

<p>Das ist ein wichtiges Signal. Aber: Die eigentliche Herausforderung besteht darin, diese Erkenntnis in eine langfristige Forschungsstrategie zu übersetzen.</p>

<p><strong>Denn es geht nicht nur darum, ob Europa bei der Entwicklung von KI mithalten kann. Es geht auch darum, welchen Beitrag Europa zu den wissenschaftlichen Entdeckungen und technologischen Innovationen der kommenden Jahrzehnte leisten wird. Und welche Rolle die europäische Industrie dann noch spielen kann.</strong></p>

<p>Wenn KI tatsächlich zu einer erheblichen Beschleunigung wissenschaftlicher und technologischer Entwicklung führt, wird der Zugang zu diesen Fähigkeiten zu einer zentralen Voraussetzung für wissenschaftliche Leistungsfähigkeit, industrielle Wettbewerbsfähigkeit und technologische Souveränität. Wir sollten diese Entwicklung nicht ausschließlich als internationales Wettrennen verstehen. Wissenschaft lebt von Zusammenarbeit, Offenheit und der gemeinsamen Suche nach Erkenntnis. Aber internationale Kooperation und technologische Eigenständigkeit sind keine Gegensätze. Im Gegenteil: Eigene wissenschaftliche und technologische Kompetenz ist eine wesentliche Voraussetzung dafür, auch unter veränderten geopolitischen Bedingungen selbstbestimmt und partnerschaftlich zusammenarbeiten zu können. Europa verfügt über hervorragende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, starke Forschungseinrichtungen und bedeutende industrielle Kompetenzen.</p>

<p><strong>Wir müssen jetzt die institutionellen Voraussetzungen schaffen, damit Europa auch im Zeitalter KI-getriebener wissenschaftlicher Entdeckungen und zunehmend beschleunigter Innovation eine gestaltende Rolle spielen kann - und die europäische Industrie damit wettbewerbsfähig bleibt.</strong></p>

<p>Dafür brauchen wir mehr als zusätzliche Forschungsprogramme. Wir brauchen eine langfristige europäische Strategie für wissenschaftliche KI – und den Mut, unsere Forschungsstrukturen entsprechend weiterzuentwickeln.</p>

<p>Meine Frage an die Politik: Wie sonst wollen wir angesichts der Entwicklung die Innovationskraft Deutschlands sichern?</p>

<h2>Quellen</h2>

<p id="quelle-1"><strong>[1] Statistisches Bundesamt (27.03.2026):</strong> <em>3,8 % mehr Ausgaben für Forschung und Entwicklung im Jahr 2024.</em> Unternehmen investierten 92,5 Milliarden Euro in eigene Forschung und Entwicklung. <a href="https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2026/03/PD26_107_218.html"><strong>Destatis – Pressemitteilung 107/2026</strong></a></p>

<p id="quelle-2"><strong>[2] OpenAI (26.10.2026):</strong> <em>Working with academic communities to build scientific understanding.</em> Neue KI-generierte Ergebnisse in Mathematik, Komplexitätstheorie und Quantenfeldtheorie. <a href="https://openai.com/index/building-scientific-understanding-with-academic-communities/"><strong>OpenAI – Originalveröffentlichung</strong></a></p>

<p id="quelle-3"><strong>[3] Stanford University (2026):</strong> <em>AI Index Report 2026 – Economy.</em> Internationale private KI-Investitionen 2025. <a href="https://hai.stanford.edu/ai-index/2026-ai-index-report/economy"><strong>Stanford AI Index – Economy</strong></a></p>

<p id="quelle-4"><strong>[4] Deutscher Bundestag (13.04.2026):</strong> <em>Einschränkungen bei Forschungs-Kooperationen mit China.</em> Einschränkungen der Teilnahme chinesischer Einrichtungen an Teilen von Horizon Europe 2026–2027. <a href="https://www.bundestag.de/presse/hib/kurzmeldungen-1165004"><strong>Deutscher Bundestag – hib 288/2026</strong></a></p>

<p id="quelle-5"><strong>[5] Europäische Kommission (30.07.2026):</strong> <em>EU launches AI Gigafactories call to boost Europe's computing capacity and unlock more than €30 billion in investment.</em> <a href="https://digital-strategy.ec.europa.eu/en/news/eu-launches-ai-gigafactories-call-boost-europes-computing-capacity-and-unlock-more-eu30-billion"><strong>Europäische Kommission – AI Gigafactories</strong></a></p>

<p id="quelle-6"><strong>[6] Europäische Kommission (2026):</strong> <em>RAISE – Resource for AI Science in Europe.</em> 140 Millionen Euro vorgesehene Pilotförderung über die Arbeitsprogramme 2025 bis 2027. <a href="https://research-and-innovation.ec.europa.eu/strategy/strategy-research-and-innovation/our-digital-future/european-ai-science-strategy/raise-resource-ai-science-europe_en"><strong>Europäische Kommission – RAISE</strong></a></p>

<p id="quelle-7"><strong>[7] Deutscher Bundestag (28.09.2026):</strong> <em>Ausbaupläne bei High-Performance Computing.</em> <a href="https://www.bundestag.de/presse/hib/kurzmeldungen-1218032"><strong>Deutscher Bundestag – hib 753/2026</strong></a></p>

<p id="quelle-8"><strong>[8] Kyoto Vision for a Golden Age of Science (04.10.2026):</strong> Gemeinsame Erklärung von 17 Staaten. <a href="https://www.bmftr.bund.de/SharedDocs/Downloads/DE/2026/kyoto-visions-golden-age-science.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=1"><strong>Kyoto Vision – Originaldokument (PDF)</strong></a></p>]]></content><author><name>Stefan Decker</name></author><summary type="html"><![CDATA[Alle Zeichen deuten deuten darauf hin, dass wir am Anfang einer noch nie dagewesenen Beschleunigung wissenschaftlicher Erkenntnis und technologischer Innovation stehen. Für die Zukunft der deutschen Industrie und die Wettbewerbsfähigkeit Europas könnte diese Entwicklung von entscheidender Bedeutung sein.]]></summary><media:thumbnail xmlns:media="http://search.yahoo.com/mrss/" url="https://www.stefandecker.org/assets/img/blog/europa-cern-wissenschaftliche-ki.png" /><media:content medium="image" url="https://www.stefandecker.org/assets/img/blog/europa-cern-wissenschaftliche-ki.png" xmlns:media="http://search.yahoo.com/mrss/" /></entry></feed>